Schnitzelmaster

Diagnose KREBS

Hier nun das brisante Thema KREBS:

Hier nun gibt es sicher eines der unangenehmsten Themen eines jeden Menschen, das Thema KREBS. Jeder Einzelne von uns denkt, es betrifft alle Anderen, aber nicht mich. Ich lebe gesund, ich lebe anders, ich betreibe Sport, ich ernähre mich richtig…… Leider ist dem nicht so und schneller als geglaubt ist man selber betroffen und der Star in der Manege.

Im Juli 2008 kam ich bereits das 2. Mal innerhalb eines Jahres in die 1. Hilfe-station im Krankenhaus Brixen. Starke Rückenschmerzen plagten mich immer wieder und wieder einmal war der Verdacht auf Bandscheibenvorfall gegeben.

Nach einer Schmerzinfusion wollte man mich um 5 Uhr morgens wieder nach Hause schicken, ich verweigerte das Abschieben und wurde alsdann stationär in der Abteilung Trauma aufgenommen.

Tolle Zimmerkameraden ließen den Aufenthalt recht angenehm werden. DRAUSSEN passierte zu dieser Zeit allerhand: (Papstbesuch, Tod von Bischof Egger…..). Bei mir war der Alltag geplant mit dem Üblichen: Fieberthermometer, Blutproben, Augenkontrolle, Zahnpanorama, Röntgen, Fisiotherapie und verschiedene weitere Kontrollen und Proben. Aufgeteilt auf ganze 4 Wochen. Nach diesen 4 Wochen meldete sich mein Blutdruck mit aussergewöhnlich extrem hohen Werten, die  dann Krankenschwestern und Ärzte hellhörig machten und zum Glück die Verlegung auf die Abteilung Medizin brachte.

Dort wurde innerhalb kürzester Zeit nach einer recht schmerzhaften Knochenbiopsie die Diagnose erstellt:

Es war ein bösartiger Tumor (Lymphom);

Nach dieser erschreckenden Mitteilung wurde mir gleich ein Psychologe zugewiesen, der, während er sorgsam seine Visitenkarten zuschnitt, mir sagte, wenn ich möchte, könnte ich mit ihm reden. Er wusste aber recht bald, wie er den Raum schnell verlassen kann.

Die Folge war, dass ich für weitere 2 Jahre das Krankenhaus Brixen immer mit Herzklopfen betrat.

Nach der Entlassung an einem Freitag in Brixen nach 5-wöchigem ununterbrochenen Aufenthalt ging die Behandlung am Montag früh um 8 Uhr im Krankenhaus Bozen weiter.

Die Abteilung Hämatologie dort befand sich ebenerdig als Day-Hospital und im 8. Stock für stationäre Aufnahme.

Der Empfang im Day-Hospital wird mir immer in Erinnerung bleiben, die Herzlichkeit und die Professionalität lässt keine Wünsche offen. Von der einfachsten Reinigungsfrau, über die fleißigen Krankenschwestern bis hin zu den einzelnen Ärzten, alles Profis.

Mit klaren Aussagen, ohne Verheimlichungen oder Verschönerung und mit einem gut geführten Gespräch wurde die Krankheit erklärt und das weitere Vorgehen besprochen.

Bereits am nächsten Tag um 8.15 Uhr war die erste Chemotherapie startklar.

Die Nebenwirkungen an diesem Abend bleiben unvergessen wie Vieles mehr in den nächsten Wochen und Monaten. Wichtig bei diesen Behandlungen ist ein guter Hausarzt, zu dem man Vertrauen hat und der seine Arbeit gut macht und auf den man sich verlassen kann (Dr. Karl Lintner).

Ich werde die Krankengeschichte schildern für Laien, (verständlich) das Ärztelatein ist für die Ärzte gedacht.

Im Day-Hospital war und wird man wie ein Familienmitglied aufgenommen, mit allen notwendigen und wichtigen Informationen gefüttert und tagtäglich fürsorglich betreut und versorgt.

Man lernt in dieser Zeit den Beruf der Krankenschwester sehr zu schätzen, man versetzt sich in Gedanken in ihre Lage, wie oft gibt es den Patienten (Chemotherapie wird gemacht, sie wissen, dass kaum Erfolg sein kann)? Mit dieser Belastung muss die Krankenschwester leben und dies verarbeiten. Im laufe meiner Behandlung war ich auf einigen Beerdigungen, (Zimmerkollegen, jung, fit aber leider nicht geschafft).

Über Chemotherapie wird viel gesprochen, recht wenige Leute aber wissen eigentlich, was dabei überhaupt passiert.

In meinem Fall wurde für die intravenöse Therapie entschieden. Dabei werden die verschiedenen Medikamente (Gifte…) gemischt und dann über eine gesunde Armvene dem Körper zugeführt. Eine weitere Möglichkeit wäre in Tablettenform.

Die Termine dafür werden rechtzeitig vorgegeben und sie werden unterschiedlich angewandt. Beginn bei mir war meistens am Montag früh um 8:15 Uhr; Blutabnahme von mehreren Kanülen, Blutdruckkontrolle, Gewicht….; laut den Tagesinformationen wurde dann die Therapie vorbereitet (eine speziell zusammengemischte Infusion….) von einem, im Bozner Krankenhaus entwickelten Roboter, und da jeder Mensch andere Werte und Bedürfnisse hat, für jeden einzelnen Patient maßgeschneidert. Beginn war circa um 9:00 Uhr, wenn die Blutwerte nicht verspätet eintrafen. Die Nadel wurde gesetzt und man hing ungefähr 2 Stunden am Tropf. In dieser Zeit konnte man Revue passieren lassen über sein Leben, man betrachtete den Nachbarn, man bewunderte die Krankenschwester, man staunte über den Arzt, man lernte ruhig zu werden (ausser bei ROTER Infusion). Die rote Flüssigkeit verbreitet Unruhe, Angst, Panik…..

Die Zeit vergeht ohne dass man es merkt, es vergehen Tage, Wochen, Monate. Man war vorher Vollzeit beschäftigt am Arbeitsplatz seit 20 Jahren. Man hat viele Freunde, viele Arbeitskollegen, man hat die Familie.

Man GLAUBTE, viele Freunde zu haben, viele Arbeitskollegen, im Falle einer solchen Erkrankung kommt die Erkenntnis. Was bleibt ist an 1. Stelle die Familie, von den vielen Freunden bleibt eine Hand voll, von den Arbeitskollegen, von denen es 80 waren bleibt auch eine Hand voll. Diese Ernüchterung kommt gerade in dieser Zeit und sie verbittert einen. Es hat den Anschein, die Leute gehen lieber auf eine Beerdigung (man wird dort gesehen als Teilnehmer) als auf einen Krankenbesuch. Diese Besuche wären aber so etwas von wichtig für den Patienten, das Vertrauen und der Zuspruch wirkt Wunder.

Durch die unzähligen Einstiche in die Adern wird das Blutabnehmen mit der Zeit zur Tortour und so wurde mir im Halsbereich ein Katheter gesetzt, den man fast selber wie ein eigenes Kind betreut damit sich nichts entzündet und die Blutabnahme vereinfacht. Leider nicht immer mit Erfolg und so war immer mit einem stationären Aufenthalt zu rechnen.

In Erinnerung bleibt der erste stationäre Aufenthalt im 8. Stock: Isoliert alleine im Zimmer, wenn man, hitzebedingt versucht, ein Fenster zu kippen.

Eine Art Platzangst, das Fenster lässt sich nicht öffnen, das Zimmer darf man nicht verlassen, man beginnt im laufe dieser Zeit, die Schritte zu zählen, die Essenszeiten sich einzuteilen mit der Vorstellung, wie es im Altenheim sein wird. Man lernt langsam zu essen, denn ausser Morgenwäsche, Visiten und essen gibt es nicht allzuviel.

Erfreulich auch die tägliche Pillenration von 36 Stück in der besten Zeit aufgeteilt auf 3 Mahlzeiten. Das bringt einem ein neues Ziel: einmal im Leben noch auf NULL kommen; dies wird ein ständiger Kampf und betteln mit dem behandelndem Arzt, der einem die Wichtigkeit der einzelnen Pillen erklärt.

Die Krankheit bringt neben den ganzen negativen Sachen auch recht interessante und positive Erlebnisse. Nach der ersten Chemotherapie wartet man ungeduldig auf den von Ärzten angekündigten Haarausfall, der auf sich warten lässt und auch gleich den Verdacht bringt, die Chemo war zu schwach…..

Ganz unerwartet und überrascht und mit Schrecken dann das erste Haarbüschel in den Händen. Schnell will man die Haare los sein und man ruft den Friseur. Ungewohnte Kälte dann aber speziell im Nackenbereich.

Auffallend auch, ich wollte lange Zeit nichts wissen über meine Art von Krankheit. In der heutigen Zeit ist die Information ja kein Problem mehr, googeln im Internet…. Das Forschen beginnt erst, sobald man die Krankheit akzeptiert hat, und das dauert unterschiedlich lang, bei mir ca. 5 Monate.

Nach dem Programm Chemotherapie, welches bei jedem Patienten unterschiedlich in Art, Form und Länge gemacht wird, kommt eine kurze Ruhepause, Zeit um in der gewohnten Umgebung zu Hause sich von den Strapazen zu erholen und die oft recht ungewöhnlichen Nebenwirkungen (schlechter Geruch überall zu Hause…) zu verarbeiten.

Es folgt dann ein neues Kapitel in der Heilung: die Radiotherapie oder Bestrahlungen.

Dabei werden die krebsbefallenen Zellen und deren unmittelbarer Umkreis bestrahlt. In meinem Fall wurde dies in der Klinik „Bonvicini“ in Bozen gemacht. Jeweils von Montag bis Freitag. Die Vorbereitung für diese Therapie war sehr aufwendig, kleine Tätowierungen an drei verschiedenen Punkten um die tägliche Terapie punktgenau zu machen. Die Positionierung auf der Liege dauerte ca 15 min, die Radiotherapie selber ca 12 Sekunden. Das ungute Gefühl, alle Helfer, Krankenschwestern und Ärzte verlassen den Raum, ein rotes Licht blinkt und schon ist alles vorbei. Kein Schmerz, nichts passiert, anziehen und mit dem Weissen Kreuz wieder nach Hause.

Nach 10 Tagen erst die ersten Nebenwirkungen: Zu Hause wird es eng im Hause und so drängt es mich hinaus, spazieren gehen, Kaffee trinken im nahen Gasthof (300m entfernt); plötzlich ohne Kraft, für die 300m muss ich 3 Pausen einlegen, tagtäglich wird es schlimmer. Nach vier Wochen ist es überstanden. Ganz nebenbei wurden mir Stammzellen entnommen und für etwaige Bedürfnisse tiefgekühlt. Auch werden meine Geschwister kontaktiert bzgl. einer Typisierung, um eine etwaige Knochenmarkspende vorzusehen.

Erholungspause und Genesung werden verschrieben und ich geniese die Zeit. Regelmässige Kontrollen bringen schließlich die ersehnte VOLLREMISSION (bedeutet das vollständige Verschwinden aller Zeichen der Tumorerkrankung).

Eine Erholungszeit von 3 Monaten und dann die Rückkehr an den Arbeitsplatz. Dort war man überrascht über die unverhoffte Rückkehr, (der Vertretung wurde ein längerer Einsatz versprochen…), also war man nicht erfreut über die unerwartete Rückkehr und somit wurde mir angeraten, den angereiften Urlaub zu nehmen. Also trat ich den Urlaub an, meist zu Hause, kurz vor Neubeginn dann einen Kurzurlaub von 3 Tagen nach Bad Füssing. Dort dann am Morgen des 2 Tages ein stark geschwollener rechter Oberschenkel. Besuch beim diensthabenden Arzt (ein besorgter Gesichtsausdruck des Arztes lässt nichts Gutes erahnen), dieser rät zur sofortigen Heimfahrt und direkt ins Krankenhaus, was ich klarerweise sofort machte.

Die Blutprobe brachte die schlimme Wahrheit: es geht wieder los…..

Kurze Besprechung der Sachlage mit dem Ärzteteam und sogleich das gesamte Paket wiederholen. Ein Rückfall ist schwerer zu verarbeiten, man weiss ja bereits, was auf einen zukommt, die Angst nimmt zu.

Die 2. Runde verlief fast identisch wie die erste, nur der Körper wird schwächer und braucht mehr Zeit zum erholen. Die Radiotherapie musste vorzeitig abgebrochen werden wegen schlechter Blutwerte. Zeit wieder für die Erholungsphase und dann die unerwartet schnelle Mitteilung, dass ein Knochenmarkspender gefunden wurde. Nun liefen die Vorbereitungen wieder auf Hochtouren, alles musste für DIESEN besonderen Tag vorbereitet werden, nichts darf dem Zufall überlassen werden.

Der Spender, ein junger Mann aus dem Aosta wurde parallel im Krankenhaus von Turin behandelt.

Mir wurde eine weitere Runde Chemotherapie verabreicht, um die Blutwerte sozusagen in den Keller zu bringen. Das Knochenmark wurde dann mittels Kurier mit dem Zug am 28. März um 22.00 Uhr nach Bozen und ins Krankenhaus geliefert. Um ca. 1.00 Uhr morgens dann der spannende Moment, Ärzte, Krankenschwestern, ein mobiler Tisch, eine kleine Friteuse, wo das Knochenmark temperiert und dann mittels Infusion übertragen wurde.

Dies dauerte ca. 30 min und die Reaktion des Körpers ließ nicht lange auf sich warten: hohes Fieber, Schüttelfrost, extrem kalt……

Hallunzinationen, Träume, der gesamte Lebenslauf, alles passiert in dieser Nacht, eine Krankenschwester sitzt fast ununterbrochen die ganze Zeit bis um 6 Uhr morgens am Bett. Dann langsam beruhigt sich der Körper und die Spannung steigt. Das neue Knochenmark hat nun die Aufgabe, die Blutwerte wiederum auf normal zu bringen. Mit Nebenwirkungen muss gerechnet werden. So kann zum Beispiel entzündende Schleimhäute im Mund das essen unmöglich machen. Um dem vorzubeugen wurde wieder einmal ein Katheter gesetzt für künstliche Ernährung. Vier mal täglich werden Blutproben entnommen, zusätzliche Schutzmedikamente kommen hinzu. Es folgt die Zeit der Erholung. Alle Nebenwirkungen lassen grüssen und wenden sich von mir ab.

Ich habe Glück, keine größeren Probleme, ich erhole mich sehr schnell und aus dem Hinterkopf kommt das gesetzte Ziel, die Pillenration langsam zu verringern und es beginnt. Allmählich, meist nach Blutproben und dessen Auswertungen sowie nach den dreimonatlichen Kontrollvisiten werden die Medikamente langsam abgesetzt.

Die Zeit vergeht, die Krankeit wird unter Kontrolle gehalten, wir haben inzwischen das Jahr 2020, die Kontrollvisite wird nun einmal im Jahr gemacht, diese nunmehr ohne Angst und Schrecken. Es sind immerhin 12 Jahre seit Beginn der Krankheit vergangen.

August 2020